Die Sechs regeln für Zivilcourage:
Die Kunst zu helfen

Sechs Regeln für Zivilcourage und mehr Sicherheit im Alltag:

Wenn Sie sich an diesen „6 Regeln der Kunst zu helfen“ orientieren, ist es leicht und sicher anderen Menschen in einer Notsituation beizustehen.

1. Ich beobachte genau

Das genaue Hinsehen wird heutzutage nur allzu oft vernachlässigt. Wir schauen weg oder wir schauen hin und erkennen Missstände erst gar nicht.

  • Ein Pärchen streitet sich auf der Straße. Was genau sehe ich?
  • Ein Liebespaar, das sich uneins ist, oder einen Mann, der eine Frau belästigt?
  • Ein Mann hält ein Kind am Arm gepackt und zieht das Kind hinter sich her. Was genau sehe ich?
  • Einen Mann, der ein Kind entführt, oder einen Vater, dessen Kind widerspenstig ist?
  • Eine Gruppe Jugendlicher steht zusammen. Was genau sehe ich? Freunde, die sich austauschen, oder eine Bande die gerade ein Opfer ausraubt?
  • In einem Mehrfamilienhaus schreit ein Kleinkind auffällig oft. Was genau höre ich? Ein Kind, dessen Eltern mit der Erziehung überfordert sind, oder die Misshandlung des Kindes?

Hinsehen heisst auch hinhören!

Ich beobachte genau, mit all meinen Sinnen, damit ich erkenne, worum es tatsächlich geht. Erst jetzt, wenn ich einen Überblick über die Situation habe, kann ich diese einschätzen und entscheiden, was ich tue und wie ich es tue. Auch wenn ich aufgrund der Situation nicht selbst persönlich oder körperlich eingreifen kann, werde ich jetzt aktiv und das Mindeste ist: Ich präge mir so viele Details wie möglich zur Personenbeschreibung und zum Tatablauf ein und schreibe diese Beobachtungen schnellstmöglich auf. Diese Notizen sind wichtig und helfen der Polizei bei den folgenden Ermittlungen.

2. Ich hole Hilfe

Die Kunst zu helfen bedeutet auch, dass ich mir Hilfe bei anderen, verantwortlichen Menschen hole. In einer Gaststätte ist es der Kellner, in der Straßenbahn der Fahrer, bei einem Unfall mit Verletzten der Rettungsdienst (112) und bei Straftaten die Polizei (110). 

Sowohl Rettungsdienste als auch die Polizei stehen mir nicht auf Knopfdruck zur Seite. Sie brauchen immer einige Zeit, um vor Ort zu erscheinen. Genau aus diesem Grund ist es so wichtig, richtig hinzusehen. Wenn ich feststelle, dass ich von dieser Seite Hilfe benötige, dann rufe ich sogleich den Rettungsdienst oder die Polizei. Der Anruf bei 110 oder 112 erfolgt also je nach Beobachtung und Situationseinschätzung relativ früh. 

BEVOR ICH TELEFONIERE, HABE ICH MIR ÜBERLEGT, WAS ICH MITTEILEN WILL:

  • Wer bin ich?
  • Wo bin ich?
  • Was ist geschehen?
  • Täterbeschreibung u.s.w. 

Alle Informationen, die ich durch mein genaues Hinsehen festgestellt habe.

Vor dem Anruf atme ich ein paar Mal durch und ich bemühe mich, ruhig, klar und deutlich zu sprechen. Ich lege nicht auf. Ich bleibe am Telefon, um von der fortschreitenden Situation weiter zu berichten, z.B. wenn ich einen Täter (in angemessenem, sicherem Abstand) verfolge.

3. Ich halte Abstand

Alle couragierten Helfer, die zu Schaden gekommen sind, haben eines gemeinsam:

sie haben zuwenig Abstand gehalten.

Insbesondere wenn ich mich körperlich einmische, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Aggression eines Täters gegen mich richtet, sehr hoch. Wenn dann das eigentliche Opfer die Flucht ergreift und mir nicht beisteht, dann habe ich das eine Opfer durch ein neues ersetzt: durch mich selbst – wo ist da der Sinn?

Die Lösung lautet:

die körperliche Einmischung, z.B. das Festhalten, Wegziehen oder das „selbst zuschlagen“ ist immer die allerletzte Möglichkeit einem Opfer Hilfe zu gewähren. Ich agiere aus einer sicheren Entfernung. Ich frage das Opfer, ob es Hilfe braucht, ob ich die Polizei rufen soll oder ich erkläre, dass ich die Polizei bereits benachrichtigt habe. In jedem Falle richte ich meine Ansprache an das Opfer.
Sollte ich dennoch in einen Dialog mit dem Täter verwickelt werden, dann bleibe ich höflich und bestimmt, ich bleibe beim „Sie“, um eine respektvolle Distanz zu wahren und um anderen „Zuschauern“ zu signalisieren, dass es sich nicht um eine Privatsache handelt.
Wenn die Situation es erforderlich macht, dass ich direkt und mit körperlichem Einsatz dazwischen gehe, dann sollte ich zuvor zwei Dinge berücksichtigt haben:

  1. Das körperliche Eingreifen ist immer das allerletzte Mittel und wird nur eingesetzt, wenn eine erhebliche Gefahr für Leib oder Leben des Opfers besteht.
    2. Ich suche mir Mitstreiter!

4. Ich suche Mitstreiter

Selbst wenn ein Täter einen zunächst wenig aggressiven Eindruck macht, sehr klein und schmächtig erscheint oder noch sehr jung ist, kann es uns passieren, dass eine Situation eskaliert. Je mehr Mitstreiter ich um mich versammelt habe, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Eskalation unterbleibt.

Ich suche mir also Mitstreiter, weil es mir dann leichter fällt, eine Situation zu beeinflussen und weil es für mich sicherer ist, wenn ich Unterstützung habe. In den meisten Fällen reicht es aus, dass der Täter sich einer optischen „Übermacht“ gegenübersieht. Schnell erkennt er die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens und tritt den Rückzug an.

Meine Mitstreiter spreche ich direkt an und ich sage ihnen unmissverständlich, was ich von ihnen erwarte. Meistens warten die Umstehenden nur darauf, dass einer die Initiative ergreift und helfen sogleich, wenn sie nur angesprochen und „geweckt“ werden und somit feststellen, dass sie nicht alleine sind.

Die überwiegende Zahl dieser „Bystander“ denkt zeitgleich: „Eigentlich müsste ich was tun – aber ich allein? Warum tun die anderen nichts?“

5. Ich kümmere mich um Opfer

Ein Opfer ist nicht immer deutlich erkennbar körperlich verletzt. Das Opfer kann traumatisiert und in einem Schockzustand gefangen sein. Vielleicht wird eine vorhandene Verletzung aufgrund der erhöhten Adrenalinausschüttung vom Opfer gar nicht bemerkt.

WIE AUCH IMMER: DAS OPFER HAT PRIORITÄT!

Läuft der Täter weg und ich muss mich entscheiden, ob ich den Täter verfolge (natürlich unter Einhaltung eines Sicherheitsabstandes!!!), oder ob ich mich um das Opfer kümmere, dann wende ich mich immer zuerst an das Opfer und verschaffe mir einen Überblick, ob meine Hilfe benötigt wird, oder vielleicht sogar besser von einem Mitstreiter geleistet werden kann.

Manchmal reicht es nur da zu sein und mit dem Opfer zu sprechen, manchmal muss ich Erste Hilfe leisten. Deswegen sollten meine Erste Hilfe Kenntnisse regelmäßig aufgefrischt werden, so dass ich mich in einer solchen Situation sicher fühle und weiß was zu tun ist.

6. Ich bin Zeuge

Ich bin vor Ort. Ich habe eine Tat beobachtet. Ich habe mir so viele Details wie möglich eingeprägt. Ich habe Rettungsdienst und Polizei verständigt und gemeinsam mit anderen Passanten die Situation bereinigt. Ich habe dem Opfer geholfen, bis der Rettungsdienst vor Ort erschienen ist.

JETZT IST ES AN DER ZEIT, EINE WEITERE VERANTWORTUNG ZU ÜBERNEHMEN:

Ich spreche aus, was ich beobachtet habe und sorge mit meiner Aussage dafür, dass die Straßen, dass unsere Umgebung, unsere Umwelt ein Stück sicherer werden.

Meine Aussage halte ich für mich ganz persönlich in einem „Gedächtnisprotokoll“ schriftlich fest. Mit diesem Protokoll stelle ich sicher, dass ich mir bei zukünftigen Aussagen nicht selbst widerspreche, nichts ungewollt hinzudichte oder Wesentliches vergesse.

  • Nur wenn ich aussage, können Polizei und Justiz ihre Arbeit machen.
  • Nur wenn ich aussage, lernt ein Täter, dass er für seine Tat zur Verantwortung gezogen wird.

Sage ich nicht aus, lernt der Täter, dass ihm nichts geschieht und dass er immer so weiter machen kann.