Offener Brief

Die Welt

Axel Springer SE 

Berlin 

-per E-Mail-

 

Offener Brief an die Herren 

Stefan Aust, Herausgeber

Jan-Eric Peters, Chefredakteur

Michael Wolffsohn, Publizist und Autor

 

cc. Netzwerk Zivilcourage                                                                     2. Dezember 2014

 

Betr.: „Wenn der Staat seine Bürger in den Tod schickt“,

                Die Welt v. 1. Dezember 2014 

 

Sehr geehrte Herren,

sehr geehrter Herr Wolffsohn, 

den ich als Autor des o.g. Kommentars insbesondere und direkt ansprechen möchte. 

Gestatten Sie mir zunächst folgende höflichst gemeinte Bemerkung: ich halte Ihren Ansatz für zu kurz gedacht und persönlich sogar für ausgesprochen ärgerlich! Damit sind Sie leider nicht allein – aus diesem Grund die gewählte Form eines „offenen Briefes“. 

Viele Anfragen und E-Mails haben uns als Initiative und Verein in den vergangenen Tagen erreicht; nicht wenige mit dem Grundtenor, dass sich Zivilcourage „nicht lohne“ oder „zu gefährlich sei“. Der aktuelle Fall, der tragische Tod Tugce Albayraks, veranlasst leichtfertig, sich auf diese falsche Fährte zu begeben. Andere tragische Fälle, die ebenfalls mit dem Tode derer endeten, die Zivilcourage zeigten, könnten oberflächlich betrachtet diese Meinung befürworten: Guiseppe Marcone, Johnny K., Fabian Salar oder Dominik Brunner. 

Doch Zivilcourage ist weitaus mehr als das Verhalten in einer Gefahrensituation; eben nicht ausschließlich eine Gebrauchsanweisung für Mut und Verhaltensweisen im Konfliktfall.

Zivilcourage ist allumfassender und setzt weitaus früher an – und ist somit keineswegs eine Verantwortungs- und Aufgabenübernahme des Bürgers für den Staat und seine Organe. Selbst dann nicht, wenn der Staat und seine Organe ihrer Verantwortung oftmals nur ansatzweise oder gar nicht nachkommen bzw. nachkommen können.

Zumal Zivilcourage nicht selten genau gegenüber diesen Organen angebracht ist – nicht nur in fernen Diktaturen oder dubiosen Autokratien. Bleiben wir vor unserer Haustür und denken Sie bitte kurz an die Courage von Murat Kurnaz, Edward Snowden oder die der Bürger der ehemaligen DDR am Grenzübergang Bornholmer Straße vor gerade einmal 25 Jahren. 

Zivilcourage basiert auf gesellschaftlichen Grundwerten: Haltung, Respekt, soziales Engagement, die Bereitschaft zur Hilfe, Empathie, Vernunft. (Vielleicht auch Toleranz – aber darüber lässt sich ja trefflich streiten.) 

Zivilcourage übt der Mitschüler, der einen anderen vor Mobbing auf dem Schulhof schützt. Ist dieser Schüler verlängerter Arm staatlicher Organe?

Zivilcourage zeigt der Gewerkschafter, der sich mit den schlechter bezahlten Kollegen im Betrieb offen solidarisiert. Im Auftrag der Polizei?

Zivilcourage ist der Einsatz ehrenamtlicher Straßensozialarbeiter, um Mädchen Nacht für Nacht vor KO-Tropfen und Vergewaltigungen zu schützen. Im Geheimdienst Ihrer Staatsanwaltschaft?

Zivilcourage beweisen die Bürger, die Flüchtlingen ein Heim bieten, obwohl ihnen in ihren Städten und Gemeinden die Faschisten offen drohen. Stehen diese Bürger auf der Honorarliste des Verfassungsschutzes? 

Sind dies, laut Ihrer Diktion, Herr Wolffsohn, alles „wohlmeinende Gutmenschen“, die andere Bürger „-ungewollt, versteht sich- quasi in den Selbstmord treiben“? 

Ich bitte Sie – bleiben Sie auf dem Teppich, aber schauen Sie mal über den Rand!

Wie soll denn all dies der Staat mit seinen Organen regeln?

Noch besser: Wollen wir Bürger überhaupt, dass all dies durch den Staat geregelt wird?

Oder fährt ein Staat nicht besser, wenn er auf einer zivilcouragierten Gesellschaft basiert? 

„So viele Berichte. So viele Fragen.“ 

Ich würde mich über Antworten Ihrerseits und eine öffentliche Debatte freuen – vor allem dann, wenn dadurch deutlich wird, dass sich beim Thema „Zivilcourage“ die inhaltlichen und sprachlichen Ansätze der staatlichen Organe zweifelsohne von denen ehrenamtlicher Organisationen ebenso stark unterscheiden wie die Ihrigen. 

Nur Mut, Herr Wolffsohn, überzeugen Sie Herausgeber und Chefredakteur und zeigen Courage, dass das Thema „Zivilcourage“ nicht nur populistisch behandelt werden kann.

Da steckt mehr drin.

 

Mit freundlichen Grüßen 

Norbert Kuntze, „Tu was! Zeig´ Zivilcourage!“ e.V. 

Salome Saremi-Strogusch, Fabian Salars-Erbe e.V. 

Irene Durukan, Mut & Courage Bad Aibling e.V.