Bremer Initiative wirbt für mehr Zivilcourage

VeröffentlichungWeser-Kurier

Wer bei Zivilcourage nur daran denkt, Pöblern im Bus die Stirn zu bieten oder bei Attacken auf Mitbürger einzugreifen, denkt zu kurz. Das ist das Credo des Vereins „Tu was! Zeig Zivilcourage!“, der am Mittwoch zu einem öffentlichen Treffen eingeladen hatte.

„Natürlich sind die goldenen Regeln der Zivilcourage wie Vernunft, sozialer Mut und Respekt weiterhin aktuell, aber das greift zu kurz“, sagte Norbert Kuntze, Sprecher der Initiative. Angesichts rechtspopulistischer Tendenzen in der Gesellschaft und wegen der Menschen, die sich von Politik, Justiz und Staat allein gelassen fühlten, sei eine Neudefinition nötig. Auch Zivilcourage im Internet gehöre dazu.

„Den Begriff Zivilcourage konnte man auch schon auf Plakaten von Wutbürgern lesen, die Menschenfängern mit rechter Gesinnung auf den Leim gehen“, so Kuntze. „Aber das ist nur Meckern, kein Engagement.“ Mit den gesellschaftlichen Veränderungen habe sich auch das Wirken des Vereins verändert, der seit 2011 existiert, erklärte Kuntze. Der Verein hängt zum Beispiel zur Freimarktzeit an öffentlichen Plätzen Plakate auf mit den Grundregeln couragierten Handelns. Finanziert werde das aus Spenden.

Jährlicher Tag der Zivilcourage soll auf Initiativen aufmerksam machen

Am Anfang habe es noch sehr regelmäßig Runde Tische gegeben, die sich allerdings nicht auf Dauer hielten. Viele Menschen hätten zu diesem Thema etwas zu sagen, arbeiteten in diesem Bereich und engagierten sich mit verschiedenen Schwerpunkten. Neben organisatorischen Konflikten gab es laut Kuntze auch schon persönliche oder politische Gründe, aufzuhören.

Konstant geblieben ist allerdings eine Säule der Vereinsarbeit: der jährliche Tag der Zivilcourage. Damit will man Initiativen, Vereine und Aktionen öffentlich sichtbar machen. „Seit drei Jahren veranstalten wir die Tour de Courage und fahren mit Bussen zu Initiativen, Nichtregierungsorganisationen oder Vereinen, die im weitesten Sinne Zivilcourage fördern“, berichtete Kuntze.

Geflüchtete stellen ihre Biografien vor

Aus diesem Netzwerk ist mittlerweile ein Bremer Export geworden: Die Aktiven des Vereins haben ein bundesweites Netzwerk zur Zivilcourage initiiert, das ähnlich funktioniert. Ob die jährlichen oder anderen Aktionen am Ende auch praktisch dazu führen, dass die Menschen mehr Courage zeigen und im eigenen Alltag Ungerechtigkeiten entgegentreten, könne niemand garantieren, sagte Almut Schmidt. Sie ist Projektleiterin von „Garten Eden 2.0“ und in der Jugendarbeit der evangelischen Kirche aktiv.

„Zivilcourage setzt eine Haltung voraus. Gerade bei Schülern und Jugendlichen ist es wichtig, eine solche Haltung zu fördern.“ Platz dafür sei derzeit vor allem an Schulen, in Projektwochen oder im Ethikunterricht. Der nächste Tag der Zivilcourage findet am 19. September statt. Aktionen in der Neustadt, der Innenstadt und im Bremer Westen stehen an. Zum Beispiel sollen Geflüchtete ihre Biografien vorstellen oder Aktivitäten in der Bürgerschaft organisiert werden. Interessierte können sich bei „Tu was! Zeig Zivilcourage!“ melden.

(Weser-Kurier, Thomas Walbröhl, 2. Juni 2016)