Prozessauftakt vor dem Landgericht Darmstadt

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Experte: Zivilcourage muss früh vermittelt werden

Bremen (epd). Der Sprecher der Bremer Initiative "Tu was! Zeig Zivilcourage", Norbert Kuntze, hat anlässlich des Gerichtsprozesses um die getötete Tugce Albayrak vor dem Landgericht Darmstadt für eine frühe Vermittlung von Zivilcourage geworben. "Zivilcourage beginnt nicht bei einer Tat. Zivilcourage setzt viel früher an - schon in der Kindheit bei der Erziehung, die ein gewisses Maß an Empathie vermitteln muss", sagte der Journalist der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" 
(Samstagsausgabe).

Zum Prozessauftakt am Freitag hatte der Angeklagte Sanel M. (18) mit einer persönlichen Erklärung sein tiefes Bedauern über den Tod der Studentin ausgedrückt. Die damals 22 Jahre alte Tugce war am 15. 
November 2014 zwei 13 und 14 Jahre alten Mädchen zu Hilfe geeilt, die von Sanel M. und dessen Freunden belästigt worden sein sollen. Später auf einem Parkplatz schlug Sanel M. zu, Tugce stürzte auf den Asphalt und fiel mit Schädelbrüchen ins Koma. Am 28. November, Tugces 23. 
Geburtstag, ließen ihre Eltern die lebenserhaltenden Maschinen abschalten.

Der Fall habe eine intensive gesellschaftliche Debatte um Zivilcourage ausgelöst, sagte Kuntze. Die goldene Regel für ein Eingreifen sei stets, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, betonte der Experte: "Auch hinterher darf man nicht alleine am Ort des Geschehens zurückbleiben, weil die Bereitschaft, später Rache zu nehmen, augenscheinlich zunimmt."

Ein hartes Urteil des Gerichtes hätte sicher einen gewissen Abschreckungscharakter, ergänzte Kuntze. "Aber die Frage ist: Wodurch entstehen solche Geschichten überhaupt? Wieso ist die Gewaltbereitschaft so hoch und die Hemmschwelle so extrem gering?"

Die Initiative "Tu was! Zeig Zivilcourage!" wurde 2011 von Kuntze und anderen Engagierten gegründet. Sie arbeitet als Netzwerk mit gesellschaftlichen Gruppen und Unternehmen zusammen. Dazu gehören unter anderen die Bremische Evangelische Kirche, die Bremer Straßenbahn AG, die Bundespolizei, verschiedene Schulen und der Weiße Ring. "Tu was!" 
will nach eigenen Angaben Zivilcourage fördern und über Zivilcourage aufklären. Schirmfrau ist die Bremer Sozialsenatorin Anja Stahmann.

(epd Niedersachsen-Bremen/272/26.04.15)